Ganz so krass wie die Überschrift es vermuten lässt war es nicht.
Dennoch war es ein echtes Abenteuer, dem sich am Himmelfahrtswochenende
die sieben Teilnehmer und die beiden Betreuer bei Ihrer Kurzfreizeit
stellten.
Unter dem Namen „Get X-treme“ veranstaltetet das Jugendzentrum
Freetime in Kooperation mit dem Jugendhaus A-Moll aus Kupferzell eine
dreitägige Freizeit der besonderen Art. Die Teilnehmer im Alter zwischen
12 – 24 Jahren stellten sich der Herausforderung, drei Tage zu Fuß
unterwegs zu sein, ohne Essen und Geld mitzunehmen. Auch Zelte wurden
keine mitgenommen. Lediglich eine Isomatte und einen Schlafsack sowie
Wechselkleidung durfte jede Person dabeihaben. Bevor es losging konnten
die Teilnehmer noch verschiedene nützliche Dinge „einkaufen“. Auf dem
Billardtisch im Jugendzentrum Freetime lagen 30 Gegenstände wie etwa ein
Campingkocher, eine Plane, eine Säge, Grillanzünder, Klebeband,
Spielkarten, oder auch ein Baseballschläger. Alles war mit einem „Preis“
von 1 bis 4 versehen. Alle sieben Teilnehmer sowie die beiden Betreuer
durften vor dem „Einkauf“ einmal mit einem Würfel würfeln. Mit der
erwürfelten Summe konnten dann entsprechend viele Gegenstände erworben
werden. Nach einiger Diskussion stand fest, dass der Baseballschläger im
Freetime bleibt. Der Campingkocher und die Plane sowie einige weitere
nützliche Gegenstände wurden mitgenommen. Die größte Diskussion gab es
beim Toilettenpapier. Manche wollten es mitnehmen, andere sahen hierfür
kein Bedarf. Letztlich wurde es doch mitgenommen.
Als es dann endlich los ging, stiegen alle in einen Kleinbus und
bekamen die Augen verbunden. So ging es zu einem unbekannten Startpunkt
mitten in einem Waldstück bei Schwäbisch Hall-Oberrot. Dort angekommen
durften alle ihre Augenbinden abnehmen. Jeder sah sich um, doch außer
Bäume und vier Waldwege war nichts zu sehen. Gemeinsam beschlossen wir
dann, einem der vier Wege zu folgen bis wir entweder in ein Dorf kamen
oder jemanden treffen würden, der uns sagen konnte, wo wir überhaupt
sind. Zu allem Überfluss regnete es an diesem Tag, es war der Feiertag
Himmelfahrt, so dass wir gleich zu Beginn schon nass wurden. Nach einer
Stunde laufen trafen wir endliche auf eine kleine Gruppe Wanderer die
uns auf unserer Karte zeigen konnten, wo wir eigentlich waren. Da
mussten wir feststellen, dass wir eine Stunde lang in die genau
entgegensetzte Richtung zu Pfedelbach gelaufen waren. Doch das konnte ja
keiner von uns wissen. Mit den Angaben der Wanderer begaben wir uns
dann auf dem Jakobsweg in Richtung Osten. Dort lag laut Karte der
nächste Ort. Es war Sittenhardt. Rund neunzig Minuten später trafen wir
bei strömendem Regen in Sittenhard ein. Unser Ziel war das Festzelt in
der Ortsmitte wo aufgrund des Feiertags eine Hocketse des örtlichen
Gesangvereins stattfand. Da wir aber absichtlich kein Geld und kein
Essen mitgenommen hatten – wir wollten uns ja die komplette Zeit über
irgendwie durchschlagen, darum ging es nämlich bei dieser Freizeit –
konnten wir uns nicht einfach auf dem Fest etwas zu Essen und zu Trinken
kaufen. So setzten wir uns erst einmal ins Festzelt. Sieben Jungs mit
zwei Betreuern, völlig nass vom Regen und mit vollbepackten Rucksäcken,
gaben ein Bild ab, das für neugierige Blicke bei den anderen
Festbesuchern sorgte. Keiner unserer Jungs traute sich jedoch, die
Bedienung am Essenstand anzusprechen und ihnen zu erklären wer wir sind,
was wir machen und dabei zu fragen, ob wir eventuell etwas zu Essen
umsonst bekommen könnten? Nach etwa 30 Minuten kam ein Mann auf uns zu
und fragte, wer wir denn seien und wo wir hinwollen? Die Jungs erzählten
ihm von unserem Projekt. Der Mann hieß Günther und fand es klasse was
wir da machten. Die Jungs hatten ihm nämlich auch erzählt, dass sie
sogar ihre Handys zuhause gelassen hatten um ein echtes Abenteuer zu
erleben. Günther, so stellte sich schon bald heraus, war die gute Seele
des Ortes. Ihn kennt in Sittenhardt wohl jeder. Er organisierte bei
seinen Kollegen vom Gesangverein eine kostenlose Portion Pommes für
alle. Das tat gut und ermutigte alle.
Als Günther fragte, wo wir denn nachts schlafen würden, sagten wir
ihm, dass wir das noch nicht wissen. Zur Not im Wald unter einer
aufgespannten Plane. Eine Scheune sei uns aber lieber sagten wir.
Spontan bot er uns an, auf seinem Heuboden im Stall zu schlafen. Ein
trockener Übernachtungsplatz war bei dem Regenwetter Gold wert. Als wir
unser Nachtlager eingerichtet hatten, schlüpften zwei der Teilnehmer
direkt in ihre Schlafsäcke. Die Anderen Beschlossen noch einmal auf das
nahegelegene Fest zu gehen um dort im Festzelt Karten zu spielen. Wie
das so ist auf dem Dorf, saßen dort zu später Stunde nur noch ein paar
wenige Vereinsmitglieder in geselliger Runde beisammen. Wir sollten uns
zu ihnen setzten. So redeten wir noch lange mit Ihnen. Nebenbei machten
sie uns noch die restlichen Weißwürste warm, beschenkten uns mit Brezeln
und Getränken gab es ebenfalls umsonst. Und als ob es nicht schon genug
der Gastfreundschaft gewesen wäre, hatte Günther auch schon ein
Frühstück für uns organisiert.
Am nächsten Morgen um 8 Uhr, nach einer trockenen Nacht im „Heuhotel“
wie wir es nannten, stand bei strahlendem Sonnenschein ein Tisch mit
frischem Kaffee, Tee, Brötchen sowie Marmelade, Butter, Wurst und Käse
für uns bereit. Sogar eine Tüte mit frisch gebackenen Muffins stand
bereit. Alles vorbereitet von Günther, seiner Frau und seiner Nachbarin.
Nach einem ausgiebigen Frühstück verabschiedeten wir uns von Günther
und machten uns auf in Richtung Bubenorbis. Jedoch konnten wir nicht
einfach nur geradewegs draufloslaufen. Um den Trip noch etwas spannender
zu machen, hatten wir die gesamte Zeit in Abschnitte von zwei Stunden
eingeteilt. In dieser Zeit war immer eine andere Person aus der Gruppe
der Teamführer. Außerdem musste in diesen beiden Stunden auch immer eine
bestimmte Aufgabe erledigt werden. Eine der Aufgabe lautetet an diesem
Vormittag des zweiten Tages, dass 20 Minuten lang keine Person ihren
Rucksack tragen durfte. Es musste also ein Gestell gebaut werden, mit
dem das Gepäck transportiert werden kann. Mit langen und dicke Äste aus
dem Wald wurden als Tragestangen auserkoren und alle Rucksäcke darauf
aufgefädelt. Entsprechend langsam und mühselig ging es in der Folgezeit
voran, denn die Stangen mit den Rucksäcken hatten ein ganz schönes
Gewicht.
Gegen Mittag war dann Bubenorbi erreicht und wieder musste etwas zu
Essen organisiert werden. So klingelten wir an verschiedenen Häusern,
erzählten den Bewohnen von unserem Abenteuer und fragten sie, ob wir
etwas Brot, Obst oder Gemüse bekommen könnte. Es stellte sich schnell
heraus, dass die Menschen in Bubenorbis genauso hilfsbereit waren wie
die aus Sittenhard. Nach einer Stunde hatten wir einen Laib Brot,
Brötchen, einiges an Wurst und Käse sowie Kekse und sogar Schokolade
zusammen. Sogar zwei Stücke selbstgebackenen Rhabarberkuchen hatten wir
geschenkt bekommen. Genüsslich Vesperten wir anschließend am
Bubenorbiser Dorfplatz. Hier lies sich unser jüngster Teilnehmer dann
von seiner Mutter abholen. Das viele laufen und auch die sonstigen
Anstrengungen hatten ihn an seine Grenzen gebracht. Außerdem hatte er
gesundheitliche Einschränkungen.
Mit einer Person weniger ging es dann weiter in Richtung Pfedelbach.
Nach wie vor musste die gesamte Strecke auf den eigenen Beinen
zurückgelegt werde. Autos, Traktoren oder sonstige Mitfahrgelegenheiten
waren also tabu. Als nächstes Etappenziel wurde Schuppach festgelegt.
Vorbei an Lachweiler ging es dann steil und querfeldein hinab ins
Schuppachtal. Dort kamen wir am späten Nachmittag an. Die Füße taten
allen ganz schön weh. Schnell war beschlossen, dass wir an diesem Abend
nicht mehr bis nach Pfedelbach laufen wollten. Zwar gehört Schuppach
schon zu Pfedelbach, dennoch lagen noch rund 12 Kilometer Strecke vor
uns. So beschlossen wir nach einigem abwägen der Möglichkeiten, unser
Nachtlager in Schuppach auf der Wiese beim ehemaligen Gasthof „Zum
Schuppachtal“ aufzuschlagen. Dort war eine Feuerstelle, eine gerade und
gemähte Wiese zum schlafen sowie ein Bach zum sich waschen und Zähne
putzen.
Auch in Schuppach trafen wir auf hilfsbereite Menschen. Sie
versorgten uns mit Würstchen, Schokolade, Sprudel und einem ganzen
Schubkarren voll Brennholz. So konnten wir an unserem zweiten Abend, mit
den in Bubenorbis und Schuppach „erbeutete“ Lebensmitteln, einen
Gemüseeintopf kochen und Würstchen am Feuer braten. Um Mitternacht
durften die Teilnehmer dann auf freiwilliger Basis noch an einer
Nachtaktion teilnehmen. Jugendreferent Martin Jakob hatte mit kleinen
roten Blinklichtern eine rund 1 Kilometer lange Strecke markiert. Diese
führte vom Ortsrand über Feldwege hinein in den Wald. Diese Strecke
durfte jeder der Jungs alleine und ohne Taschenlampe ablaufen, immer von
Blinklicht zu Blinklicht. Vor allem die letzten 100 Meter im
stockdunklen Wald, wo es auch über einen kleinen Bach hinweg ging, waren
dabei besonders aufregend. Empfangen wurden die mutigen Jungs am Ende
dann von Martin Jakob, der im Wald saß und ihnen kurz mit einer roten
Taschenlampe leuchtete. Noch im Wald wurde kurz reflektiert und zurück
am Lagerfeuer dann ausführlich über die Gefühle bei dieser Aktion
gesprochen. Nachts alleine durch den Wald zu laufen, noch dazu durch
einen Wald in dem man zuvor noch nie war, löste bei einigen ein mulmiges
Gefühl aus.
Mit einem guten Gefühl und bei strahlendem Sonnenschein startete die
achtköpfige Truppe am nächsten Morgen in den dritten Tag. Die Nacht war
trocken geblieben und alle die am Lagerfeuer geschlafen hatten stanken
zwar nach Rauch, hatten aber auch nicht gefroren. Als das Nachtlager
abgebaut und alles wieder in den Rucksäcken verstaut war, ging es los
Richtung Pfedelbach. Der Weg war klar. Über Floßholz nach Untersteinbach
und von dort durch Oberhöfen und Baierbach nach Pfedelbach. Das Ziel
dort war das Jugendzentrum Freetime gegenüber dem Pfedelbacher Schloss.
Da an diesem Tag die Sonne aber richtig stark vom Himmel schien, war
diese Strecke nochmals sehr anstrengend. Die Fußsohlen brannten und alle
versuchten nach Möglichkeit im Schatten zu laufen. Mit dem Ziel vor
Augen wurde von einem Teil der Gruppe dann ein immer höheres Tempo
vorgelegt, so dass sich die Gruppe in die Länge zog. Erst am Ortseingang
von Pfedelbach waren alle acht Personen wieder komplett beisammen.
Angekommen im Freetime nahmen alle mit einem Stöhnen ihren Rucksack von
den schmerzenden Schultern und liesen sich auf die Sofas fallen. Allen
stand die Anstrengung ins Gesicht geschrieben, aber auch die
Erleichterung es geschafft zu haben. Zur Belohnung gab es für alle
erstmal eine kalte Cola sowie anschließend eine Pizza sowie ein Eis vom
Trunk. Nach einer kurzen Abschlussreflektion löste sich die Gruppe dann
auf. Alle wollten erst mal nachhause unter die Dusche.
Insgesamt sind wir in den drei Tagen 32 Kilometer weit gelaufen. Die
physische aber vor allem auch die psychische Belastung war bei diesem
Trip ganz schön hoch. Zwar mögen sich 32 Kilometer in drei Tagen nicht
besonders viel anhören, doch die Tatsache, dies alles mit schwerem
Gepäck und teilweise in unwegsamem Gelände zurückgelegt zu haben,
machten alles sehr viel anstrengender. Hinzu kam die ständige
Ungewissheit, wann und was man als nächstes zu essen bekommen wird und
wie die Leute auf einen reagieren werden, wenn man nach Essen fragt. Ab
dem späten Nachmittag kam dann auch immer die Frage auf, wo man wohl ein
Nachtlager finden würde? Für die sieben Teilnehmer und auch für uns
Betreuer war es rückblickend eine ganz besondere Erfahrung. Drei Aspekte
blieben besonders hängen. Erstens: Jeder Einzelne und wir als Gruppe
konnten mehr erreichen als anfänglich gedacht. Zweitens: Die Menschen
die man trifft sind, wenn man ihnen freundlich begegnet, zu 95%
ebenfalls freundlich und sehr hilfsbereit. Und Drittens: Man kann auch
im Jahr 2018 drei Tage ohne sein Handy überleben!