Mit ‘gewalt’ getaggte Beiträge

In einem kürzlich veröffentlichen Aufsatz (Veröffentlichung in der Zeitschrift für Jugendkriminalrecht und Jugendhilfe, 3/2008 ) problematisieren Christian Pfeiffer sowie seine MitarbeiterInnen Susann Rabold und Dirk Baier vom Kriminologischen Forschungsinstitutes Niedersachsen (KFN) auf der Grundlage einer Befragung von 3661 Jugendlichen der neunten Schulklassen in Hannover die Wirkungen von Jugendarbeit. Zentraler Befund der Studie ist, dass sich in Jugendzentren problematische Jugendliche „zusammenballen“. Behauptet wird, dass viele von ihnen  aus sozial belasteten Milieus stammen sowie Cliquen angehören, die sich unangepasst verhalten und zu Gewalt neigen. Die zuspitzende Kernthese lautet:

„Der Besuch von Freizeitzentren erweist sich auch unter Berücksichtigung einer Reihe zentraler Risikofaktoren als eigenständiger Verstärkungsfaktor für gewalttätiges Verhalten.“ (265f.)

Weiter ist von einem „Gewaltverstärkungseffekt, den der Besuch von Jugendzentren nun einmal entfaltet“ (267), die Rede.

Solche Aussagen müssen Jugendarbeit beunruhigen, zumal Christian Pfeiffer in der Vergangenheit schon verschiedentlich den Zweck von Jugendarbeit radikal infrage gestellt hat und mit entsprechenden Positionen bei den Medien beliebt ist.

Da stellt sich mir die Frage: Muss Jugendarbeit endlich anerkennen, dass sie gewalttätige Jugendliche hervorbringt und sich für ihre eigene Abschaffung einsetzen? Letzteres vertreten zumindest die VerfasserInnen der erwähnten Studie: Sie empfehlen ausdrücklich die „schrittweise Verlagerung der Offenen Jugendarbeit in Ganztagsschulen und parallel dazu die schrittweise Schließung von Freizeitzentren“, weil nur so die Klientel der Jugendhäuser „aus ihrer sozialen Isolation“ herausfindet und in „besser durchmischte Freundschaftsnetzwerke“ (267) hineinfindet. 

Die in dieser Studie veröffentlichten Befunde sind zum großen Teil nicht Neues. Es ist mir und meinen Kollegen in anderen Jugendhäusern durchaus bewusst, dass sich in unseren Jugendhäusern Jungen und Mädchen aus benachteiligten Milieus aufhalten, dass ihr Umgang rabiater ist als der von „Mittelschichtsjugendlichen“ sowie dass Gewaltdelikte und andere soziale Abweichungen zum Alltag gehören.

Die von Pfeiffer/Rabold/Baier geforderte schrittweise Schließung der Jugendhäuser um Jugendliche aus ihrer Isolation herauszuführen ist plump und polemisch zugleich. Vertritt man diese Abschaffungsposition, so muss man vor dem Hintergrund von Gewalt an Schule auch deren Abschaffung; vor dem Hintergrund von Gewalt in Strassenbahnen deren Stillegung und vor dem Hintergrund von Gewalt in Familien auch die Abschaffung der Familien fordern.

Äußerst fragwürdig ist für mich auch die Unterstellung eines direkten Bezuges zwischen sozialer Benachteiligung, Jugendhausbesuch und Jugendgewalt. Nach den vorliegenden Daten gibt es offenbar einen Zusammenhang zwischen Jugendhausbesuch und verbal behaupteter Gewalttaten. Was jedoch nicht untersucht wurde ist, ob die befragten Jugendlichen, würden sie sich an einem anderen Ort treffen, weniger gewalttätig wären?So könnte es also ebenso gut sein, dass der Aufenthalt in einem Jugendhaus ein noch weiteres abweichen von gesellschaftlichen Normen verhindert!

Aus meiner Praxis kenne ich außerdem auch die diskrepanz zwischen verbal geäußerten und tatsächlich ausgeführten Gewalttaten. Ob also die -nur verbal geäußerten- Taten konkruent zum wirklichen Verhalten der befragten Jugendlichen ist, ist aus meiner Sicht zumindest fragwürdig. Hierzu liefert das Forschungsteam keine Ergebnisse.

Letztlich hat es sich die Gruppe um Dr. Pfeiffer wieder einmal viel zu leicht gemacht. Das Problem war erneut, dass die Jugendarbeit aus kriminologischer Sicht analysiert wurde. Hier wünsche ich mir für die Zukunft, dass bei eventuell noch folgenden Studien auch Sozialpädagogen und erfahrene Praktiker in das Forschungsteam involviert werden.

Zum Schluss noch eine Frage an Herr Pfeiffer: Wann waren Sie eigentlich das letzte mal in einem Jugendhaus? Sollte dies schon etwas länger zurückliegen, lade ich Sie hiermit herzlich ein, einmal bei mir in Pfedelbach im Jugendtreff vorbei zu kommen. Dort können Sie dann sehen dass die Praxis durchaus auch anders sein kann!

so sehen es zumindest die meisten Erwachsenen und viele Politiker. Nicht erst seit dem Amoklauf von Erfurt  am 26. April 2002, bei dem Robert Steinhäuse zwölf Lehrer, eine Sekretärin, zwei Schüler und einen Polizisten tötet, bevor er sich selbst erschoss, gibt es eine große Debatte über die sogenannten Ego-Shooter-Computerspiele. Diese Spiele, bei denen es angeblich nur darauf ankommt seine Gegner schnell und gezielt zu töten, würden bei Kindern und Jugendlichen die Gewaltbereitschaft erhöhen. In vielen Studien wurde dies mittlerweile auch nachgewiesen. Unter anderem in einer Studie von Jessica Nicoll und Kevin M. Kieffer von der Saint Leo Universität bestätigen diese These.

Doch es gibt auch Studien die genau das Gegenteil bestätigen. So kommt eine Studie vom Beth Israel Medical Center und der Iowa State University zu dem Ergebnis, dass Ärzte, die mindestens drei Stunden pro Woche vor der Spielekonsole verbringen, 37 Prozent weniger Fehler machen würden. Auch seien die spielenden Ärzte deutlich schneller: Im Schnitt bräuchten sie 27 Prozent weniger Zeit für die notwendigen Operationen.

Auch Nikolaos Kyriakidis (Institut für Publizistik und Kommunikationswissenschaft der RUB) fragt einmal umgekehrt: Was können die Spiele für die Sozialisation Jugendlicher eigentlich leisten? Fazit seiner Arbeit „Fun, Anyone!? Jugendliche Sozialisation und die Faszinationskraft von Video- und Computerspielen“ : Im Umgang mit Problemen können die Spiele den Heranwachsenden tatsächlich helfen. Die Spieler selbst gehen völlig entspannt mit den Spielen um, und die Gesellschaft täte gut daran, ebenfalls entspannt zu bleiben.

Nun könnte ich hier Stunden damit verbringen verschiedenste Studien aufzulisten. Doch das ist nicht mein Bestreben.  Für mich stellt sich hier vielmehr eine ganz andere Frage: Machen Ego-Shooter Jugenliche zu potentiellen Amokläufern oder spielen potentielle Amokläufer gerne Ego-Shooter?

Fakt ist, dass etwa 90 % der männlichen Jugendlichen in meinem Jugendtreff regelmäßig Counter Strike  spielen oder schon gespielt haben. Doch keiner von ihnen ist bisher Amok gelaufen. Auch legen sie m. E. kein besonders erhöhtes Aggressionsverhalten an den Tag. Sie alle sind „ganz normale Jungs“. Im Gespräch mit ihnen erzählen mir die meisten, dass ihnen bewusst sei dass es in den Spielen um töten ginge, sie desshalb aber trozdem nicht wirklich töten würden. Sie könnten zwischen Realität und Spiel unterscheiden, meinen sie. Außerdem ginge es bei Counter-Strike in erser Linie um Taktik und Strategie und nicht so sehr um das töten.

So war klar, dass immer wieder der Wunsch nach einer LAN-Party in meinem Jugentreff Freetime geäußert wurde. Auf meine Frage, was bei einer solchen LAN-Party für ein Spiel gespielt werden solle, gab es nur eine Meinung: Counter-Strike.

Nun musste ich mich dem Thema stellen und mir selbst ein Bild davon machen. Was ist Counter Strike? Wie geht es? Ab welchem Alter ist es freigegeben? Kann ich es vertreten dass solch ein Spiel in meinem Jugentreff gespielt wird?

Ich kaufte mir also das Computerspiel „Counter-Strike: Condition Zero“ und installierte es auf meinem Notebook. Schnell fand ich in das Spiel hinein und erlernte die Handhabung und die Steuerung. Seither spiele ich immer wieder dieses Spiel. Ich versuche Missionen zu gewinnen indem ich Terroristen ausschalte und Geiseln befreie.

Nach nun einer Woche „testen“ muss ich sagen. Counter-Strike spielen macht echt Spaß. Seit ich es selbst spiele verstehe ich die Jugendlichen, die von diesem Spiel begeistert sind. Nicht umsonst ist es das NR. 1 Spiel auf LAN-Partys. Mittlerweile gibt es schon Meisterschaften (sogar Weltmeisterschaften) bei denen Teams (sogenannte Clans) gegeneinander antereten. Das Preisgeld liegt dabei bei mehreren 10.000 Euro für die Sieger.

Ich erlebe gerade selbst, dass es bei diesem Spiel vor allem um Taktik und Teamarbeit geht. Nur durch gute Kommunikation mit den Mitspielern und durch überlegtes Vorgehen kann man in diesem Spiel bestehen. Trotz allem geht es letztlich in Counter-Strike darum, Terroristen am legen einer Bombe zu hindern oder Geiseln zu befreien. Dies geschieht durch gezieltes töten. Ist das OK? Darf ich jemanden, wenn auch nur virtuell, töten? Können Jugendliche (und Erwachsene) wirklich irgendwann nicht mehr zwischen Realität und Computerspiel unterscheiden?

Darf ich also ein solches Spiel, unter Betrachtung der oben angeführten Aspekte, nun im Jugendtreff spielen oder nicht? Besser gefragt: Lass ich es zu, dass in meinem Jugendtreff Counter-Strike gespielt wird?

Ich habe mich entschieden es zu wagen. Auschlaggebend für diese Entscheidung war mein Selbsttest. Jedoch werde ich einige Beschränkungen einhalten.

1. Altersfreigabe

Die Version die ich mir gekauft habe hat keine Jugendfreigabe und kommt somit schon aus rechtlicher Sicht nicht für meine LAN-Party in Frage. Es gibt jedoch auch eine Version (Counter-Strike: Source) die ab 16 Jahren freigegeben ist. Diese werde ich einsetze. Es dürfen dann auch nur Jugendliche ab 16 Jahre an der LAN-Party teilnehmen.

2. Ausschließlichkeit

Counter-Strike wird während der LAN-Party auf den beiden Computern des Freetime installiert werden, danach jedoch wieder von mir entfernt. So ist gewährleistet, dass während des normalen Beriebes im Jugendtreff keine Personen unter 16 Jahren Counter-Strike spielen werden. Außerdem wird die LAN-Party zeitlich begrenzt sein.

Mein Fazit:

Computerspiele im allgemeinen, und Ego-Shooter im speziellen, sind mittlerweile Teil unseres Kulturgutes. Sie sollten weder verteufelt noch zu sehr gelobt werden. Sie gehören mittlerweile so selbstverständlich zur Lebenswelt der postmodernen Generation dazu, wie es für frühere Generationen Haustiere oder Gesellschaftsspiele waren. Es stecken sicher Gefahren dahinter (wo gibt es sie nicht?), doch sollte die Debatte darüber etwas gelassener geführt werden. Ich glaube nicht dass Ego-Shooter wie Counter-Strike dafür verantwortlich sind, dass Jugendliche und Erwachsene plötzlich Amoklaufen. Solche Taten ausschließlich als Auswirkungen solcher Computerspiele zu bewerten ist viel zu oberflächlich. Amokläufer, oder generell gewaltbereite Jugendliche, haben mit Sicherheit entweder psychische Störungen (woher kommen die?) oder Defizite in ihrer Entwicklung, ihrem Denken oder ihrer Persönlichkeit, welche alle von  Kindheit an geprägt werden.

Es ist gut dass Computerspiele wie Counter-Strike keine oder nur beschränkte Altersfreigaben bekommen. denn m. E. gehen Jugendliche und junge Erwachsene ab 16 Jahren mit solche spielen nochmal anders um als etwa 12-jährige. Eine Altersfreigabe unter 16 Jahren würde ich nicht befürworten. Dass trotz Altersbeschränkung Kinder unter 16 Jahren diese Spiele spielen sehe ich sehr kritisch. Hier sind m. E. vor allem die Eltern in der Pflicht, ihren Kindern Grenzen zu setzten und so auch Verantwortung für sie zu übernehmen.

Wer ein JA zur Bundeswehr und zur Terrorbekämpfung hat, kann m. E. nichts verwerfliche daran finden, dass angehende Wehrpflichtige Jugendliche (ab16 Jahre) am Computer gegen Terroristen kämpfen und Geiseln aus deren Hand befreien.  

P.S.: Ich werde nach der LAN-Party noch einmal über meine Erfahrungen posten!