Archiv für die Kategorie ‘Jugendarbeit’

Nachdem ich am Morgen die Situation mit den Teenagern erlebt und mir so meine Gedanken zum Thema Grenzen, Verantwortung und Zivilcourage gemacht hatte, lief mir doch prompt am Nachmittag gleich die zweite Situation zu dieser Thematik über den Weg.

Tatort war diesmal ein Lebensmitteldiscounter in Pfedelbach. Ich hatte privat einiges eingekauft. Unter anderem auch einen Sixpack Bier. Als die Verkäuferin ihn über die Scannerkasse zog piepste es ganz komisch. Ich fragte nach und sie erklärte mir, dass bei Alkohol und Zigaretten automatisch eine „Nachfrage“ der Kasse kommt, ob der Käufer schon 16 bzw. 18 Jahre alt ist. Die Verkäuferin muss dies dann mit dem drücken einer Taste bestätigen, oder bei Zweifeln den Ausweis verlangen. Ich lobte dieses System das ich bis dahin nicht kannte. Die Kassiererin erzählte mir aber auch, dass viele Jugendliche, wenn sie aus altersgründen kein Alkohol verkauft bekommen, ein paar Minuten später mit der gleichen Ware wieder an der Kasse stehen. Der Unterschied zum ersten Versuch ist dann jedoch, dass sie einen 18-jährigen Freund dabei haben der die Ware bezahlt. Die Kassiererin meinte dazu: Da kann man rechtlich leider nichts dagegen tun, so ist das halt mal! Daraufhin stellte ich Ihr die Frage ob das wirklich so sei? Könne man wirklich nichts tun? Nein, wirklich nicht, war Ihre Antwort.

Die nächste Person in der Schlange wartete schon, so dass ich das Gespräch nicht weiterführen konnte und nur noch sagte: Ich glaube dass es hier eher um eine ethisch-moralische und nicht so sehr um eine rechtliche Frage geht.

Meine Fragen in diesem Fall:

  • Wenn offensichtlich ist, dass der Jugendliche sich gerade Alkohl durch einen älteren Freund besorgt, kann da wirklich nichts getan werden?
  • Was würde passieren wenn die Kassiererin sagen würde: Ich sehe genau was hier abläuft und deshalb verkauf ich euch beiden keinen Alkohol!
  • Was wenn der Chef der Filiale ein solches Vorgehen ausdrücklich fordern und unterstützen würde?
  • Welches Verhalten der Verkäuferin ist denn schlimmer? Alkohol zu verkaufen von dem man weiß dass er für Minderjährige gekauft wird, oder dies, mit dem Verweis auf die Rechtslage, doch zu tun?
  • Wie oft biegen wir uns das Gesetz eigentlich so hin wie wir es brauchen? Wie oft brechen wir am Tag eigentlich bestehende Gesetzte ohne dass wir groß darüber nachdenken oder Gewissensbisse haben (z.B. Geschwindigkeitsbeschränkungen misssachten)?

Ich wünsche mir auf jeden Fall Läden, in denen Verkäuferinnen und Filialleiter so viel Mumm (nicht den Sekt) haben, die Masche mit dem 18-jährigen Freund einfach nicht zu akzeptieren. Das würde ein Zeichen setzte. Wieso nicht in Pfedelbach damit anfangen?

Und Alkohol und Zigaretten in Lebensmittelläden sind hierfür nur ein Beispiel. Du kennst sicher noch einige mehr, oder?

Wo sind die Grenzen (1)

Veröffentlicht: 5. Dezember 2008 in Erlebnisse, Gedanken, Jugendarbeit
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Wer mich kennt weiß, dass ich ein sehr fröhlicher und genügsamer Mensch bin den nichts so schnell aus der Ruhe bringt. Meine Nerven sind schon sehr belastbar und meine Geduld doch recht hoch (Grundvoraussetzungen für den Beruf als Jugendreferent!?).

Doch heute hab ich mich seit langem einmal wieder ganz anders erleb, und das kam so:

Ich saß in meinem Büro im Rathaus von Pfedelbach und telefonierte. Dabei sah ich aus dem Fenster. Dort liefen zwei etwa 13 – 14 Jahre alte Tennager vorbei. Ein Junge und ein Mädchen. Das Mädchen hatte eine Tüte Eisbonbons in der Hand und warf sie eingepackt dem Jungen zu, der versuchte diese mit dem Mund zu fangen, was ihm aber nicht gelang. So landeten 3 Bonbons mitten auf dem Weg. Keiner von beiden machte jedoch Anstalten diese wieder aufzuheben.Da sagte ich zu der Person am Telefon (es war meine Frau), sie solle mal kurz dran bleiben. Ich öffnete das Fenster und forderte die beiden auf die Bonbons aufzuhebe. Der Junge verwies auf das Mädchen und machte sich aus dem Staub. Das Mädchen sagte zu mir: Wieso soll ich die aufhebe? Weil sie dir gehören und du sie da hingeworfen hast, war meine Antwort. Ich will sie aber nicht mehr, sagte sie. Mir egal, heb sie trotzdem auf, war meine Antwort. Nö, kein Bock, bekam ich zurück. In nun etwas lauterer und schon gereizter Stimmlage fuhr ich sie an: Heb die Bonbons jetzt auf oder ich komm raus zu dir! Daraufhin hob sie eines auf und lief weiter. Auf meine nun schon etwas lautere Aufforderung, die anderen beiden auch aufzuheben reagierte sie nicht. Ich schrie: Heb die Scheiß Bonbons auf oder ich komm jetzt raus und dann gibts richtig Ärger! Zu hören bekam ich, in einem sehr ironischenTon: Oh, jetzt bekomm ich aber Angst! Mach jetzt sonst knallts, kam von mir zurück.

Letztlich hatte sie alle drei Bonbons aufgehoben, doch ich kochte innerlich. Am liebsten wäre ich rausgegangen und hätte sie am Kragen Gepackt und mit ins Rathaus geschleppt. Dort dann direkt zum Ordnungsamt. Ich glaube dass lediglich meine Frau – die noch immer am Telefon war und alles mitgehört hatte – mich davon abgehalten hatte.

Ich Frage mich wo die Grenzen der Achtung und des Respektes bei vielen der Jugendlichen heute sind. Nicht, dass ich zu denen gehöre die sagen, dass früher alles besser war. Im Gegenteil, auch ich war mal frech zu anderen. Doch ich hätte mich nie getraut einem erwachsenen Mann, der noch dazu im Rathaus arbeitet, solche Dinge zu sagen und so respektlos zu ihm zu sein.

Woher kommt dieser Wandel den ich im Jugendhaus und im Alltag durchweg beobachten kann? Liegt es daran dass Jugendhäuser solches verghalten verstärken? Liegt es an den Schulen? Oder vielleicht doch an der (nicht ausreichenden) Erziehung der Eltern? Und wie viel „Schuld“ haben wir Erwachsene daran, dass wir einfach wegsehen und nicht eingreifen, obwohl wir es tun sollten?

Wann hast Du zum letzten mal nicht eingegriffen obwohl du genau wusstest dass du hier was tun oder sagen solltest? Und was wirst Du beim nächsten Mal tun?

Heute wurde über die von mir durchgeführte „Aktion gegen Rechts“ in Pfedelbach, bei der ich mit Jugendlichen des Freetime Aufkleber der JN entfernt habe, auch groß in der Hohenloher Zeitung berichtet. Zum Online-Artikel geht es hier.

In einem kürzlich veröffentlichen Aufsatz (Veröffentlichung in der Zeitschrift für Jugendkriminalrecht und Jugendhilfe, 3/2008 ) problematisieren Christian Pfeiffer sowie seine MitarbeiterInnen Susann Rabold und Dirk Baier vom Kriminologischen Forschungsinstitutes Niedersachsen (KFN) auf der Grundlage einer Befragung von 3661 Jugendlichen der neunten Schulklassen in Hannover die Wirkungen von Jugendarbeit. Zentraler Befund der Studie ist, dass sich in Jugendzentren problematische Jugendliche „zusammenballen“. Behauptet wird, dass viele von ihnen  aus sozial belasteten Milieus stammen sowie Cliquen angehören, die sich unangepasst verhalten und zu Gewalt neigen. Die zuspitzende Kernthese lautet:

„Der Besuch von Freizeitzentren erweist sich auch unter Berücksichtigung einer Reihe zentraler Risikofaktoren als eigenständiger Verstärkungsfaktor für gewalttätiges Verhalten.“ (265f.)

Weiter ist von einem „Gewaltverstärkungseffekt, den der Besuch von Jugendzentren nun einmal entfaltet“ (267), die Rede.

Solche Aussagen müssen Jugendarbeit beunruhigen, zumal Christian Pfeiffer in der Vergangenheit schon verschiedentlich den Zweck von Jugendarbeit radikal infrage gestellt hat und mit entsprechenden Positionen bei den Medien beliebt ist.

Da stellt sich mir die Frage: Muss Jugendarbeit endlich anerkennen, dass sie gewalttätige Jugendliche hervorbringt und sich für ihre eigene Abschaffung einsetzen? Letzteres vertreten zumindest die VerfasserInnen der erwähnten Studie: Sie empfehlen ausdrücklich die „schrittweise Verlagerung der Offenen Jugendarbeit in Ganztagsschulen und parallel dazu die schrittweise Schließung von Freizeitzentren“, weil nur so die Klientel der Jugendhäuser „aus ihrer sozialen Isolation“ herausfindet und in „besser durchmischte Freundschaftsnetzwerke“ (267) hineinfindet. 

Die in dieser Studie veröffentlichten Befunde sind zum großen Teil nicht Neues. Es ist mir und meinen Kollegen in anderen Jugendhäusern durchaus bewusst, dass sich in unseren Jugendhäusern Jungen und Mädchen aus benachteiligten Milieus aufhalten, dass ihr Umgang rabiater ist als der von „Mittelschichtsjugendlichen“ sowie dass Gewaltdelikte und andere soziale Abweichungen zum Alltag gehören.

Die von Pfeiffer/Rabold/Baier geforderte schrittweise Schließung der Jugendhäuser um Jugendliche aus ihrer Isolation herauszuführen ist plump und polemisch zugleich. Vertritt man diese Abschaffungsposition, so muss man vor dem Hintergrund von Gewalt an Schule auch deren Abschaffung; vor dem Hintergrund von Gewalt in Strassenbahnen deren Stillegung und vor dem Hintergrund von Gewalt in Familien auch die Abschaffung der Familien fordern.

Äußerst fragwürdig ist für mich auch die Unterstellung eines direkten Bezuges zwischen sozialer Benachteiligung, Jugendhausbesuch und Jugendgewalt. Nach den vorliegenden Daten gibt es offenbar einen Zusammenhang zwischen Jugendhausbesuch und verbal behaupteter Gewalttaten. Was jedoch nicht untersucht wurde ist, ob die befragten Jugendlichen, würden sie sich an einem anderen Ort treffen, weniger gewalttätig wären?So könnte es also ebenso gut sein, dass der Aufenthalt in einem Jugendhaus ein noch weiteres abweichen von gesellschaftlichen Normen verhindert!

Aus meiner Praxis kenne ich außerdem auch die diskrepanz zwischen verbal geäußerten und tatsächlich ausgeführten Gewalttaten. Ob also die -nur verbal geäußerten- Taten konkruent zum wirklichen Verhalten der befragten Jugendlichen ist, ist aus meiner Sicht zumindest fragwürdig. Hierzu liefert das Forschungsteam keine Ergebnisse.

Letztlich hat es sich die Gruppe um Dr. Pfeiffer wieder einmal viel zu leicht gemacht. Das Problem war erneut, dass die Jugendarbeit aus kriminologischer Sicht analysiert wurde. Hier wünsche ich mir für die Zukunft, dass bei eventuell noch folgenden Studien auch Sozialpädagogen und erfahrene Praktiker in das Forschungsteam involviert werden.

Zum Schluss noch eine Frage an Herr Pfeiffer: Wann waren Sie eigentlich das letzte mal in einem Jugendhaus? Sollte dies schon etwas länger zurückliegen, lade ich Sie hiermit herzlich ein, einmal bei mir in Pfedelbach im Jugendtreff vorbei zu kommen. Dort können Sie dann sehen dass die Praxis durchaus auch anders sein kann!