Archiv für die Kategorie ‘Gedanken’

„Heutige Jugendliche sind träge und faul. Sie hängen nur noch vor der Klotze oder dem Internet anstatt etwas sinnvolles zu tun!“ Diese und ähnliche Aussagen habe ich in den letzten Jahren von verschiedensten Menschen zu hören bekommen. Doch ist das wirklich so? Antwort folgt!

Im Juli 2012 eröffnet in Pfedelbach das neue Jugendzentrum. Nach zehn Jahren „Schattendasein“ im Keller der örtlichen Schule, beginnt damit ein neuer Abschnitt in der Offenen Jugendarbeit der Gemeinde Pfedelbach. Das mag nicht besonders spektakulär klingen und vielleicht ist es das auf den ersten Blick auch nicht. Doch bei näherer Betrachtung ist zu erkennen, wie viel wegweisendes und auch symbolträchtiges in dieser Entscheidung steckt. Ich meine damit nicht in erster Linie die Tatsache, dass in Zeiten knapper Kassen, eine Kommune Geld in eine Freiwilligkeitsleistung wie ein Jugendzentrum investiert. Das ist sicher lobenswert und sollte Vorbild für andere Kommune sein. Worauf ich hinaus möchte sind die scheinbaren Nebensächlichkeiten:

 

(1)   Da ist zum einen der Standort des neuen Jugendzentrums. Nicht etwa im Industriegebiet, wo die Jugendlichen doch „… so laut sein können wie sie wollen und niemanden stören“, sonder im absoluten Ortskern von Pfedelbach, in einem denkmalgeschützten Gebäude. Zum Einen mag es Zufall sein, dass gerade hier Räume frei wurden, zum Anderen zeugt es aber auch von einer mutigen (einstimmigen) Entscheidung des Gemeinderates, die Jugend ins Zentrum von Pfedelbach zu holen. Dort hin, wo Jugendliche aus meiner Sicht auch gehören, genauso wie Kinder und Senioren.

(2)   Da ist aber auch die Haltung gegenüber der Jugendarbeit im allgemeinen und präventiven Maßnahmen im Besonderen. So leistet sich Pfedelbach neben Schulsozialarbeitern an der Haupt- und Realschule (jeweils 50 % Stelle) auch mich als Jugendreferenten (60%) und meine Kollegin im Jugendreferat (400 €-Basis). Dass dies alles Freiwilligkeitsleistungen sind die jährlich Geld kosten ist das Eine. Dass hierdurch aber Folgekosten in weit höherem Maße eingespart werden und noch dazu viele junge Menschen in den Genuss von (freizeit-) pädagogischen Maßnahmen kommen, das Andere. Und dass ein Gemeinderat dies so sieht und mitträgt ist lobens- und beachtenswert.

(3)   Dass eine Kommune ihrem Jugendreferenten (also mir) fast uneingeschränkte Freiheit in seiner Berufsausübung lässt, spricht ebenfalls für sich. Man respektiert und achtet sich in Pfedelbach. Man erkennt an, dass ich als Jugendreferent der Fachmann für den Bereich Jugendarbeit bin und vertraut mir hier voll und ganz. Dieses entgegengebrachte Vertrauen hilft mir wiederum in meiner täglichen Arbeit. So kann die Offene Jugendarbeit in Pfedelbach seit nunmehr 10 Jahren stetig wachsen und an Struktur und Gestalt hinzugewinnen.

 

Doch schon Henry Ford sagte: „Stillstand ist Rückschritt“. So muss und wird es hoffentlich auch in Pfedelbach weiter vorangehen. Mit Stolz über das was bisher erreicht wurde und in dem Wissen, dass es noch viel zu tun gibt. Sowohl pädagogisch als auch strukturell.

Jugendarbeit ist eine Freiwilligkeitsleistung, heißt es. Doch ganz so freiwillig ist sie dann doch nicht wie viele glauben. Im Kinder- und Jugendhilfegesetzt (KJHG § 11 Absatz 1) heißt es:

Jungen Menschen sind die zur Förderung ihrer Entwicklung erforderlichen Angebote der Jugendarbeit zur Verfügung zu stellen. Sie sollen an den Interessen junger Menschen anknüpfen und von ihnen mitbestimmt und mitgestaltet werden, sie zur Selbstbestimmung befähigen und zu gesellschaftlicher Mitverantwortung und zu sozialem Engagement anregen und hinführen.

Dennoch wird in vielen Kommunen an der Jugendarbeit und anderen „freiwilligen“ Leistungen gespart. Was dabei jedoch nicht bedacht wird, ist der präventive, also vorbeugende Charakter dieser Leistungen. Doch diesen kann man schlecht schon im Voraus beziffern. Wenn man sicher wüsste, dass man beispielweise durch die Bezahlung einer 50 % Stelle eines Jugendsozialarbeiters, der etwa 40.000 € im Jahr kostet, im Endeffekt die gleiche Summe oder noch mehr sparen würde, wären sicher alle bereit dies Stelle einzurichten.

Nur als Beispiel zum drüber Nachdenken: Eine Unterbringung eines Jugendlichen in einem Heim kostet pro Jahr etwa 60.000 – 70.000 €. Wenn also durch die Arbeit, des im Beispiel genannten Jugendsozialarbeiters erreicht wird, dass nur ein Jugendlicher weniger ins Heim muss, hat sich die Stelle schon refinanziert. Und was wäre, wenn es drei oder vier wären?

Der Winter hat begonnen, und als ich nun zum ersten Mal zum Schneeschippen draußen war, wurde ich von zwei älteren Menschen angesprochen, ob ich nicht ihren Geweg auch mit räumen könnte. Sie würden mich selbstverständlich dafür bezahlen. Ich sagte ihnen dass ich ihnen nicht garantieren könne, jeden Tag auch da zu sein wenn es schneit. Doch dann fiel mir ein, dass ein 14-jähriger Junge aus dem Jugendtreff in dem ich arbeite mich mal gefragt hat, ob ich nicht wüsste, wie er sich etwas Geld verdienen könne. Ich brachte ihn ins Spiel und schlug ihn den beiden älteren Herrschaften vor. Doch beide lehnten ab. „Nein danke, das hat keinen Wert, das wird eh nichts“, war ihre Reaktion.

Woher kommt dieses Misstrauen gegenüber jungen Menschen? Haben Jugendliche im allgemeinen einen so schlechten Ruf dass man ihnen kaum noch etwas zutraut? Liegt es am Verhalten Einzelner von dem die Menschen auf alle schließt? (Was der Mensch an Sich ja gerne tut).

Nun werden die beiden Herrschaften, trotz ihrem bereits fortgeschrittenen Alters, lieber selbst den Schnee wegräumen wenn ich mal nicht da sein kann, anstatt einem jungen Menschen die Chance zu geben sich zu beweisen. Schade eigentlich, wie ich finde!