Archiv für Oktober, 2019

Einmal pro Jahr organisiert und finanziert der Landkreis Hohenlohe eine Bildungsfahrt für Ehrenamtlich Tätige Menschen im Hohenlohekreis. Mit dem Bus geht es in eine große Stadt, um dort am Vormittag gemeinsam ein kulturelles Programm zu besuchen. Der Nachmittag ist dann zur freien Verfügung. Dieses Jahr ging es nach Nürnberg.

An der diesjährigen Bildungsfahrt nahmen zum wiederholten Male auch wir vom Pfedelbacher Jugendzentrum bzw. die Jugendlichen des Thekenteams, in Begleitung von Jugendreferent Martin Jakob, teil. Am 11. Oktober, pünktlich um 8 Uhr, startete der Reisebus nach Nürnberg. Mit an Bord waren, neben den etwa 30 weiteren Ehrenamtlichen aus Hohenlohe, Maylin, Viktorija, Valerias, Jan und Karim. Sie bilden das Thekenteam des Jugendzentrums und hatten für diesen Tag eine Schulbefreiung bekommen. Nach einer knapp zweistündigen Busfahrt kamen wir in Nürnberg an. Unser kulturelles Ziel für den Vormittag war das Reichsparteitagsgelände samt Dokumentationszentrum.

Los ging es mit einer interessanten und lebendigen Führung über das sehr weitläufige, von Hitler und den Nazis geplante und nur zum Teil fertig gestellte, Reichsparteitagsgelände. Wir starteten in der Luitpoldarena, wo wir einige einführende Worte von der Dame gesagt bekamen, welche die 2,5 stündige Führung mit uns machte. Danach ging es in die Kongresshalle. Diese wurde von den Nazis nie fertiggestellt und gleicht seinem Vorbild, dem Kolosseum in Rom sehr stark. Obwohl die Kongresshalle nie ganz fertiggestellt wurde (der 2. Weltkrieg stoppte die Bauarbeiten), kann man dennoch sehen, wie gewaltig und pompös diese einmal werden sollte. Von den geplanten 70 Metern Höhe wurden „nur“ 39 Meter errichtet. Mit einer Abmessung von 240 x 200 Metern ist der U-förmige Bau ein riesiges Bauwerk. Entsprechend klein kamen wir uns vor, als wir in der Mitte standen und uns umschauten. Genau das war auch von den Nazis so gewollt: Die 50.000 Besucher, welche die Kongresshalle einmal hätte fassen sollen, sollten sich klein und unwichtig fühlen. Nur der Führer, der sein Rednerpult in der Mitte hätte stehen gehabt, hätte hier sprechen dürfen und wäre als wichtig angesehen worden. Heute steht dieser zweitgrößte erhaltene nationalsozialistische Monumentalbau in Deutschland unter Denkmalschutz.

Weiter ging es über die große Straße, auf welcher Paraden und Aufmärsche abgehalten wurden, zum geplanten Standort des Deutschen Stadions. Dieses wurde nie gebaut. Lediglich ein Granitblock als Grundstein ist dort heute zu sehen. Interessant war für uns Besucher jedoch auch hier zu erfahren, mit welcher Präzision und welchen Hintergedanken die Nazis auch dieses Bauwerk geplant hatten. Die Pläne für das Stadion konnten wir auf Fotos sehen. Hier sollten die jungen Menschen sich sportlich betätigen. Jedoch nicht nur der Gesundheit wegen. Als Disziplinen gab es zu der damaligen Zeit zwischen 1935 und 1944 u.a. die Disziplinen Langstreckenlauf mit Gasmaske und Handgranaten Weitwurf. Hier wurden also die jungen deutschen Männer „spielerisch“ auf den Krieg vorbereite. Die Ausführung dieser Disziplinen auf Fotos zu sehen, war sehr eindrücklich und erschütternd, auch und vor allem für die jungen Teilnehmer aus Pfedelbach. Sie stellten viele Fragen und waren sehr interessiert.

Zum Abschluss der Führung ging es dann noch auf das sogenannte Zeppelinfeld mit der Zeppelintribüne. Hier hielt Hitler viele seiner heute noch bekannten Reden. Das Zeppelinfeld mit seiner imposanten Tribüne ist das einzige Bauwerk, welches komplett fertiggestellt wurde. Wir hatten dann noch die Möglichkeit, den Goldenen Saal im inneren der Tribüne zu besichtigen. Dieser ist für normale Besucher nicht zugänglich und kann nur bei geführten Besichtigungen begangen werden. Dieser große Saal, dessen Decke mit prunkvollen Hakenkreuzornamenten ausgestaltet ist, welche wiederum mit Blattgold übersogen sind (daher der Name Goldener Saal), war eines der Highlights der Führung. Zu wissen, dass genau an dieser Stelle auch Adolf Hitler schon stand um sich auf seine Reden vorzubereiten, lies uns einen Schauer über den Rücken laufen. Noch nie war die NS Vergangenheit und ihre Geschichte so greifbar und so nah für uns.

Zum Abschluss besuchten wir dann noch das Dokumentationszentrum mit seiner Ausstellung „Faszination und Gewalt“, welche sich im Nordflügel der Kongresshalle befindet. Also dort wo unsere Führung begonnen hatte. Leider blieb nicht mehr viel Zeit um die Ausstellung zu besichtigen. Dennoch war auch sie eine, zu gleichen Teilen, beeindruckende und bedrückende Zeitzeugin einer dunklen und schrecklichen Zeit in Deutschland.

Der Nachmittag stand dann zur freien Verfügung. Wir sechs Pfedelbacher hatten keine Lust auf Kaffeekränzchen und machten uns auf eigene Faust auf, die Stadt zu erkunden. So schlenderten wir durch die Stadt, gingen zusammen Mittagessen und besuchten interessante Einkaufsläden. Um 17 Uhr startete der Bus dann wieder Richtung Öhringen, wo wir – voll mit neuen Eindrücken und neuem Wissen über die NS Zeit in Deutschland – um 19 Uhr wieder ankamen.  Karim fasste den Tag am Ende für sich so zusammen: „Heute hatte ich viel Spaß mit den Anderen und habe auch noch ganz viel über die NS Zeit gelernt. Ich bin nächstes Jahr wieder dabei“. Wo die Bildungsfahrt 2020 hinführt steht jedoch noch nicht fest.

Martin Jakob, Jugendreferent